Ein Essay gegen das Vergessen

Wenn die Erinnerung stirbt, wird die Vergangenheit zur Theorie. Wissen aus Schulbüchern: Besonders für Menschen, denen Schule lästig ist, unnützer Ballast, denn sie glauben, eh alles besser zu wissen oder schlimmer noch: Sie fallen auf falsche Versprechungen, einfache Lösungen, Hetze und Hass herein.

 

Viele vergleichen die Situation, in der wir uns heute politisch befinden, mit der zu Beginn der 1930er Jahre. Die Erwachsenen dieser Zeit sind längst tot. Die Kinder, die sich zumindest an den Krieg erinnern können, sind bereits Mitte 80 und älter. Ihre Erinnerungen sterben langsam aus.

 

Dagegen müssen wir etwas tun, wir müssen ihr Wissen lebendig halten!

 

Vielleicht trägt der Essay meiner Mutter, Helga Auer (Jahrgang 1940) dazu bei. Es ist ein kleiner Mosaikstein gegen das Vergessen, aber auch eine Liebeserklärung an die verlorene Heimat Brünn.

 

                                                                                                                                 Dr. Isabelle Auer

Flucht und Vertreibung aus unserer Heimatstadt Brünn 1945/46

geschrieben von Helga Auer (geb. Hollaus) und ihrer Schwester Brigitte für ihre Schwester Gerti

Fast täglich werden uns Bilder von Kriegsgeschehen - in den letzten Jahren besonders aus Syrien und der Ukraine - ins Wohnzimmer gebracht, die verzweifelte Menschen auf der Flucht vor Kriegsterror zeigen und die deshalb ihre Heimat verlassen müssen. Besonders bewegen mich dabei die verängstigten Blicke der Kinder, die nicht verstehen können, was geschieht.

Noch heute ist die Tatsache fest in meinem Bewusstsein verankert, dass meine Familie vor rund 80 Jahren das gleiche Schicksal erlitten hat wie diese Menschen.

 

Am Ende des Zweiten Weltkrieges irrten wir sechs Wochen lang durch die Tschechoslowakei und wurden anschließend nach einem etwa einjährigen Lageraufenthalt in Brünn nach Bayern ausgewiesen. 

 

Warum gibt es seit Menschengedenken Kriege zwischen Völkern, Staaten und sogar in Familien?

 

Ist es die Macht des Bösen, die nur Leid und Unglück bringt?

 

Warum wehren sich die Guten, die Vernünftigen und Menschlichen nicht genügend und überlassen den verbrecherischen Psychopathen das Feld?

 

Für diese deprimierenden Fragen gibt es keine Antwort. Am schlimmsten sind leider immer die Unschuldigen und die Schwächsten - Kinder und Alte - betroffen.

Unsere Heimat: Brünn

1937: Hochzeitsfoto unserer Eltern Marie Franziska (geb. Titz, Jahrgang 1913) und unseres Vaters Erwin Hollaus (Jahrgang 1907)
1937: Hochzeitsfoto unserer Eltern Marie Franziska (geb. Titz, Jahrgang 1913) und unseres Vaters Erwin Hollaus (Jahrgang 1907)
1941 n unserem Brünner Garten: Helga mit unserer Titz-Oma
1941 n unserem Brünner Garten: Helga mit unserer Titz-Oma
1943 in unserem Garten in Brünn: Tante Hilde, unsere Cousine Traute, Helga und unsere Mutter. Tante Olga. Vorne: Unser Cousin Ludwig, Helmut, unsere Cousins Gerd und Peter.
1943 in unserem Garten in Brünn: Tante Hilde, unsere Cousine Traute, Helga und unsere Mutter. Tante Olga. Vorne: Unser Cousin Ludwig, Helmut, unsere Cousins Gerd und Peter.

Wir waren damals drei Kinder - nach dem Krieg, im Jahr 1950, bekamen wir noch unsere Schwester Gitta.

 

Unser Bruder Helmut war sieben Jahre alt, ich (Helga) zählte knapp fünf Jahre und unsere jüngere Schwester Gerti war gerade mal zweieinhalb, als wir unsere Heimat verloren.

Unsere Mutter Marie Franziska, Gerti (Jahrgang 1942), Helga (Jahrgang 1940) und Helmut (Jahrgang 1938)
Unsere Mutter Marie Franziska, Gerti (Jahrgang 1942), Helga (Jahrgang 1940) und Helmut (Jahrgang 1938)

Unsere Mutter, damals zweiunddreißig, war stets eine vehemente Gegnerin des Naziregimes gewesen: Als Hitler 1938 in Brünn einmaschierte, verweigerte sie den Hitlergruß. Sie war auch nicht bereit, am Geburtstag des Führers die Fenster der Wohnung mit Blumen, Hitlerbildern und Fahnen zu schmücken. 

Dennoch mussten sie und ihre damals neunundsechzigjährige Mutter - eine völlig harmlose, unpolitische Frau aus Altbrünn - die Suppe auslöffeln, die die Nazis und viele fanatische Sudetendeutsche anderen andersdenkenden Deutschsprachigen eingebrockt hatten.

 

Kurz vor der Kapitulation im Mai 1945 hatten wir uns an Sammelstellen einzufinden, um nach Österreich gebracht zu werden. Leider wurde die Grenze kurz vor unserem Eintreffen geschlossen.

 

Damit begann unsere Flucht vor den Russen durch die Tschechoslowakei. Ich kenne die einzelnen Stationen unseres Weges nur aus Erzählungen und erinnere mich nur vage an Orte wie Iglau, Tabor, Pisek und an die Hauptstadt Prag. Es tauchen Bilder auf, die ich bis zum heutigen Tage nicht vergessen habe.

 

Meistens sind sie mit Angst, Hunger und Erschöpfung verbunden. 

 

Oft wurden wir unterwegs von hasserfüllten Tschechen und aufgebrachten Zigeunern beschimpft. Wir übernachteten in Straßengräben und waren dankbar, wenn wir eine Nacht im Kuhstall schlafen konnten. Helmut musste in den kühlen Mainächten, die wir unter freiem Himmel verbrachten, ohne seinen Mantel auskommen. Dieser war ihm nämlich gestohlen worden.

In Iglau suchten wir Unterschlupf in einer Turnhalle. Mutti versteckte sich zwischen uns Kindern und ihrer alten Mutter. Dabei zog sie sich ihr Kopftuch tief ins Gesicht, denn sie hatte ständig Angst vor Vergewaltigungen. Ich kann mich noch an die verzweifelten Schreie und Klagen der heimgesuchten Frauen erinnern.

Ein anderes Mal übernachteten wir in einem Waggon, in dem früher Medikamente gelagert worden waren. Es roch entsetzlich nach Medizin, aber wir waren dennoch froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Als unsere Mutter einmal den Wagen verlassen musste, um auszutreten, wurde sie von einem Mongolen gepackt. Sie biss ihm vor lauter Angst so fest in die Hand, dass seine Knochen krachten. Zum Glück ließ er von ihr ab.

Unsere Schwester Gerti litt besonders unter den fürchterlichen Strapazen: Völlig erschöpft brach sie nach einer endlosen Fluchtetappe auf dem Weg zusammen. Unsere Mutter, die unterwegs Scharlach und hohes Fieber bekommen hatte, lief apathisch weiter. Helmut lief zurück zu ihr und rief meiner Mutter zu, sie solle warten. Muttis Rucksack mit den wenigen Habseligkeiten wurde ausgeleert und das kleine Kind hineingesetzt.

Eine weitere Szene blieb mir ebenfalls unvergessen:  Unsere Mutter stand am Ufer der Moldau und wollte mit uns Kindern ins Wasser springen, um unseren Leidensweg zu beenden. 

Erst die verzweifelten Rufe von Helmut ("Mutti, tu es nicht!") brachten sie zur Besinnung.

 

Irgendwann unterwegs gelang es ihr, die goldene Armbanduhr meines Vaters gegen einen Leiterwagen einzutauschen, auf den sie uns Mädchen und Oma aufladen konnte. Helmut und Mutti schoben und zogen abwechselnd das Gefährt.

 

Zu allem Unglück erkrankte Gerti an der Ruhr. Die Krankheit nahm einen sehr schweren Verlauf, so dass ihr eine Ärztin noch eine Überlebenschance von höchstens zwei Tagen gab. Sie fügte hinzu: "Aber Sie müssen Ihre Tochter dann selbst begraben!"

 

Es grenzte an ein Wunder, dass Gerti überlebte.

 

Als wir nach sechs Wochen Flucht endlich wieder in Brünn waren, wurde Gerti liebevoll von Muttis Schwester Olga und deren tschechischem Ehemann gepflegt. Die beiden hätten Gerti gerne bei sich behalten, doch Mutti gab ihr Kind nicht her.

 

Mir selbst ist von dieser sechswöchigen schrecklichen Flucht nur ein Erlebnis deutlich in Erinnerung geblieben: Auf dem Bahnhof in Tabor trafen wir zufällig unseren Vati. Als Soldat in Uniform war er kaum zu erkennen. Beim Abschied klammerte ich mich so fest an ihn, dass man mich losreißen musste.

 

Kurz vor Brünn malte uns Mutti aus, wie sie sich unsere Rückkehr vorstellte: Zuerst wollten wir alle ausgiebig baden und sie versprach uns, anschließend eine Torte zu backen.

 

Die Realität sah anders aus.

 

An unserer Wohnungstür klebte ein Schild mit der Aufschrift "Beschlagnahmt!". Dennoch öffnete meine Mutter die Tür. Und blickte in ein Chaos: Die Wohnung war verwüstet und ausgeraubt worden. Ich entdeckte meine Puppe auf dem Boden und nahm sie schnell an mich. Da trat plötzlich ein Tscheche aus dem hinteren Teil der  Wohnung, schrie mich an: "Ein deutsches Kind braucht keine Puppe!" und entriss sie mir. 

 

Danach spielte ich nie wieder mit Puppen.

 

Eine tschechische Nachbarin bot uns in ihrer Wohnung Getränke an. Unsere Mutti war geschockt: Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt zierten Teile unseres eigenen Hausrats, unsere Möbel und Gemälde die Wohnung der ach so freundlichen Nachbarin. 

Auch unser Auto entdeckten wir einige Tage später in der Stadt.

 

Doch wir mussten das Unrecht ertragen und den Mund halten.

 

Muttis Schwester Olga und ihr Mann nahmen ihre erschöpften Verwandten selbstlos auf. Zuerst wurden wir gründlich entlaust und vom Schmutz befreit. Sie kümmerten sich besonders um die kleine Gerti, damit das immer noch kranke, total erschöpfte Kind wieder kräftiger werden konnte.

 

Doch der Aufenthalt bei meiner Tante war nur kurz. 

 

Kurze Zeit später mussten wir - zusammen mit vielen anderen - den Pohrlitzer Todesmorsch antreten.

 

Ich kann mich nur daran erinnern, wie wir Kinder erschöpft am Straßenrand saßen und auf Lastwagen geladen werden sollten.

 

In dieser größten Not traf Mutti zufällig auf einen früheren tschechischen Schulkameraden.

 

Muttis Vater war  deutschsprachig, da er aus Mistelbach in Niederösterreich nach Brünn gekommen war. Sie war das jüngste von zwölf Kindern, hatte wie ihre Geschwister das erste Schuljahr einer deutschsprachigen Schule besucht. Nach der Gründung der Tschechoslowakei wurde diese im Jahr 1918 in eine tschechische umgewandelt  So wuchs sie mit tschechischen Kindern auf und fühlte sich irgendwann auch als Tschechin. Durch die Heirat mit unserem Vater wurde sie wieder deutschsprachig  und musste deshalb dem aufgestauten Hass vieler Tschechen entgegentreten.

 

Muttis tschechischsprachiger Schulkamerad konnte nicht begreifen, warum seine Schulfreundin mit ihren Kindern in diese Situation geraten war. Er gab Mutti eine Adresse und sagte ihr, sie solle sofort umkehren.

 

Unsere Rückkehr nach Brünn endete im Lager.

 

Ein halbzerbombtes Haus, in dem noch andere Deutschsprachige  untergebracht waren. Gerti und ich sahen dort einen Mann, dem die Nase fehlte. 

Unsere Oma passte  auf uns Mädchen auf, während Mutti und Helmut arbeiten mussten. Mein Bruder war wegen seines "germanischen Aussehens" (blond. blaue Augen) den Angriffen der aufgehetzten Tschechen besonders ausgesetzt. Das ging so weit, dass er grundlos von Aufsehern gewürgt wurde. 

 

Das war ein furchtbares Jahr. Angst war unser ständiger Begleiter,.

 

Dann bekamen meine Oma und meine Mutti die Aufforderung, ihre Heimat - Brünn und Mähren - zu verlassen. 

 

Auf dem Amt drückte ein junger Mann unserer Oma einen Stempel in den Pass und sagte: "Sie sind eine Fremde. Sie müssen weg!"

 

Oma versuchte, sich zu verteidigen: "Ich bin gebürtige Alt-Brünnerin!". Sie schaute auf, blickte in das Gesicht des jungen Mannes, der sie aus ihrer Heimat auswies. 

 

Und sah ihren eigenen Enkel. Das Kind ihres verstorbenen Sohnes.

 

Im Juni 1946 verließen wir - eingepfercht in einem offenen Güterwagen - für immer unsere Heimat. Es war der zweitletzte Transport nach Deutschland, aber der letzte nach Westdeutschland. Der allerletzte Transport hätte uns in die sowjetisch besetzte Zone gebracht.

Neuanfang in Grünberg (Hessen)

Obwohl wir  so schließlich dem Martyrium des Krieges entkommen waren, begann für uns zunächst eine schwere Zeit, denn wir waren bei vielen Einheimischen nicht sehr willkommen.

 

Zum Glück gab es aber auch hilfsbereite Menschen. 

 

Wir kamen beim Bäcker Karle unter, der uns seine möblierte Gaststube zur Verfügung stellte und uns Brot ohne Marken gab. 

 

Unsere Mutti packte an und war sich für keine Arbeit zu schade: Sie arbeitete auf dem Feld , putzte bei einem benachbarten Metzger und strickte bis in die Nacht hinein für die Bauernfamilien. Dafür wurde sie mit Milch, Eiern, Mehl und anderen Lebensmitteln entlohnt, so dass wir in den Nachkriegsjahren nie hungern mussten.

 

Das ausgeprägte Gottvertrauen unserer Mutter, das sie sich bis an ihr Lebensende bewahren konnte, und ihr unbändiger Überlebenswille halfen uns, auch diese schlimme Zeit zu überstehen.

 

Nach und nach ging es wieder aufwärts.

 

Als wir einmal abends alle am warmen Ofen saßen, meinte Gerti strahlend: "Jetzt sitzt hier die ganze Mile (Anmerkung: Familie)!"

Das Holzholen im Wald oder das Sammeln von Beeren und Pilzen gestaltete Mutti für uns alle immer als kleines Abenteuer.  Heute würde man wohl sagen: "als Event".

 

So gelang es ihr, zumindest bei uns Kindern traurige und trübe Gedanken an die verlorene Heimat zu verscheuchen.

 

Unsere Oma litt aber schrecklich an Heimweh und durch die Sehnsucht nach Brünn. Sie starb 1948, zwei Tage vor Weihnachten.

 

Kurz danach zogen wir in eine Wohnung in der Alsfelderstraße 13. Mit dem Leiterwagen transportierten wir unsere Habseligkeiten von der Rabegasse dorthin.

"Die Tramatzen (Anmerkung: Matratzen) sind da!" rief Gerti aufgeregt: Endlich hatten wir wieder eigene Möbel! Ein Riesenfortschritt.

 

Mein Vater kam mit unserem im Vergleich zu Brünn - dort war er als Textilingenieur als Abteilungsleiter in einer angesehenen Textilfabrik beschäftigt gewesen - erheblich gesunkenen Lebensstandard in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht so gut zurecht wie meine Mutter.  Er war oft mürrisch und schlechter Laune. Die Erniedrigungen, die er als Vertriebener in beruflicher Hinsicht anfangs ertragen musste und der radikale Nikotinentzug machten ihm erheblich zu schaffen.

Deshalb musste die kleine Gerti - weil sie flink und geschickt war - zusammen mit Helmut schon morgens um 6 Uhr beim "Hessischen Hof", in dem die Amerikaner verkehrten, Zigarettenstummel sammeln. Außerdem bauten wir selbst im Garten Tabak an, trockneten ihn und zerschnitten die Blätter, um unseren Vater aufzuheitern.

Doch die Zigaretten aus eigenem Anbau schmeckten ihm nicht. 

 

Vati arbeitete in der Anfangszeit in einer Gummifabrik. Da er im Krieg fast an der Ruhr gestorben wäre, war er noch immer sehr geschwächt.

 

Später bekam er eine Stelle bei den Amerikanern in Gießen.

 

1949 durfte er endlich wieder in seinem gelernten Beruf - als Textilingenieur - arbeiten. Dafür musste er aber nach Dieringhausen im Rheinland umziehen.

1949 in Grünberg/Hessen: Helgas Grundschulklasse
1949 in Grünberg/Hessen: Helgas Grundschulklasse
Fasching 1950 in Grünberg/Hessen: Helga und Gerti, verkleidet als Ungarinnen
Fasching 1950 in Grünberg/Hessen: Helga und Gerti, verkleidet als Ungarinnen

In Grünberg hatten wir erstmals nach dem Krieg von fremden Leuten menschliche Wärme erfahren dürfen und fühlten uns dort wohl. Wir Kinder streiften oft durch Felder und Wiesen - Mutti nannte das "strabanzen" - spielten an Bächen, pflückten Blumen und hielten uns besonders gern im Brunnental oder im Schwimmbad auf. Einmal breitete sich wie ein Lauffeuer eine Nachricht aus, die Mutti einen kleinen Schock versetzte: Bevor wir zu Hause waren, wusste sie bereits, dass Gerti - damals erst 7 Jahre alt - 13 mal hintereinander vom Dreimeterbrett gesprungen war.

 

Ohne die Aufsicht von Erwachsenen konnten wir die vielen Freiheiten genießen, die die ländliche Umgebung Kindern in unserem Alter bot.

 

Noch heute bin ich aber auch meinem Grundschullehrer, Herrn Reibert, sehr dankbar: Er wusste es, wie man uns traumatisierte Vertriebenenkinder wieder zum Lachen bringen - ihnen Lebensfreude und Unbeschwertheit geben konnte. Herr Reibert ging mit uns oft raus in die Natur. Dort und bei Bewegungsspielen und beim Singen verarbeiteten wir das Erlebte. 

Oft zog unsere Schulklasse - "Im schönsten Wiesengrunde" oder "Sah ein Knab ein Röslein steh`n" singend - durch den Ort. Viele Leute freuten sich darüber und winkten uns freundlich zu. Sogar mit dem Grünberger Männergesangsverein hatte unsere Klasse gemeinsame Chorauftritte und einmal durften wir an Weihnachten "Ihr Kinderlein kommet" im Radio singen!

 

Von den Kirchenvertretern bekamen wir hingegen keinerlei Hilfe.

 

Im Gegenteil: Pfarrer Schütz jagte uns Angst ein, setzte uns mit dem Beichten unter Druck Helmut verstand es besser als ich, mit den Einschüchterungen umzugehen. Er nahm vieles mit spitzbübischem Humor hin. Zusammen mit seinem Freund machte er sich einen Spaß draus, scheinbar fromm zu ministrieren oder mit allzu viel - natürlich gespielter - Ernsthaftigkeit zu beichten.

1948 in Grünberg/Hessen: Erstkommunion von Helga und Helmut
1948 in Grünberg/Hessen: Erstkommunion von Helga und Helmut

Als uns der Pfarrer einmal in unserer ersten Grünberger Unterkunft - der Gaststube beim Bäcker Karle in der Rabegasse 16 - besuchte, störte er sich an einem Bild an der Wand, das Martin Luther in reiferem Alter zeigte. Er forderte deshalb Mutti auf, das Bild abzuhängen. Mutti meinte darauf aber, der Anblick des alten, wohlgenährten Mannes störe sie überhaupt nicht. Und außerdem wolle sie die Gefühle und den Glauben der Menschen nicht verletzen, die uns helfen. 

 

Auch sonst kam es immer wieder zu Konfrontationen mit diesem engstirnigen, intoleranten und autoritären Geistlichen. Mutti ließ sich jedoch nichts gefallen, machte sich damit bei den örtlichen Freunden des Klerus sehr unbeliebt. In Grünberg gab`s nämlich auch Katholiken, die Hochwürden auf der Straße stets mit einem "Gelobt sei Jesus Christus", mit einem Handkuss oder sogar einem Kniefall begrüßten. Dafür wurden sie von der Caritas großzügig beschenkt. 

Wir bekamen gar nichts oder nur unbrauchbare Dinge: Zur Kommunion gab es zur Erheiterung aller für Helmut und mich zwei Dosen Spinat.  Als Trost wurden wir dann aber zusammen mit allen anderen Kommunionkindern ins Pfarrhaus zu Kakao und Rosinenbrötchen eingeladen.

Einmal jedoch sorgte ein Caritas-Geschenk für wirkliches Lachen: Mein Vater probierte eine weiße, dreiviertellange, pludrige Unterhose mit Spitzenrand an. Ich erinnere mich noch heute daran, wie Mutti sich bei diesem Anblick vor Lachen bog. Er sah ja auch wirklich sehr komisch aus!

 

Am Montag, dem 11. September 1950, kam unser Schwesterchen Brigitte, genannt Gitta, zur Welt. Als ich mit der Nachricht von diesem freudigen Ereignis in die  Schule kam, gratulierte mir Herr Reibert herzlich, und ich durfte mir ein Lied wünschen.

Grrünberg/Hessen im Oktober 1949: Gerti, unsere Eltern und Helga auf dem Weg zum Gallusmarkt
Grrünberg/Hessen im Oktober 1949: Gerti, unsere Eltern und Helga auf dem Weg zum Gallusmarkt

Im März 1951 zogen wir zu unserem Vater nach Dieringhausen im Rheinland um. Wieder mussten wir uns von unseren Freunden und Bekannten verabschieden. Der Abschied war tränenreich, denn Grünberg war in den knapp fünf Jahren, die wir dort verbracht hatten, unser Zuhause geworden.

 

Dass dies nicht unser letzter Umzug sein sollte, dass wir später sogar 1 1/2 Jahre in Finnland leben würden, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.